Erfahrungsbericht: Caro, 34, Kunstberaterin



Es ist wie es ist, was du draus machst!


Es ist August und vor mir liegt das Ende des zweiten Trauerjahres. Zwei Jahre nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod unseres erstgeborenen Sohnes im Alter von fast zwei Jahren. Genauer gesagt mit 22 Monaten, mit 22 Monaten Abstand zu seiner kleinen Schwester, die kurz nach seinem Tod geboren wurde und mit immer 22 Monaten in der Unendlichkeit. 


Sein Tod, er ist kurz beschrieben. Sein Leben – dafür wird es nie genug Worte geben. Sein Vermächtnis? Das kann ich in zwei Worten sagen: pures Leben. Er wusste wie man lacht, wie man seine Zeit mit Fröhlichkeit, Aktionismus, Neugierde und Liebe vertreibt, wie man anderen Gutes tut und selbst bescheiden ist. Ist es rückblickend Illusion zu sagen, dass er wahrhaft nie geweint oder geschrien hat? Nicht wütend wurde, wenn man ihm etwas verbot oder etwas nicht gab? Nein. Er war so. 

Wie man nach diesem Schicksalsschlag wieder Freude empfinden kann? Wieder positiv aufs Leben schauen kann? Wie man überhaupt kann? Es ist komplex. Da wären Trauma und Trauer, was zweierlei Paar Schuh sind. 

Das Trauma


Beginnen wir mit dem Kürzeren, dem Trauma. Wenn etwas viel zu schnell, zu plötzlich und zu unerwartet passiert erleiden wir ein Trauma. Dieses kann physisch wie psychisch sein. In meinem Fall ist es ein psychisches Trauma. Richard ging fröhlich und absolut fit um 19:30 Uhr ins Bett, um 0 Uhr erwachte er mit Fieber gefolgt von Erbrechen und Durchfall und schlief nach Gabe von Fiebermitteln (abgestimmt mit einem Arzt vom Bereitschaftsdienst) weiter. Gegen 5 Uhr nachts, neben ihm liegend, begann er zu krampfen und ich vermutete einen Fieberkrampf und verständigte den Notarzt. Parallel sackte sein Kreislauf zusammen und mir war klar, dass hier was viel Gefährlicheres im Gange war. Ich befand mich also plötzlich in einer Situation auf Leben und Tod und führte den Notarzt am Telefon habend die Reanimation durch, die auch glückte. Dennoch verstarb er wenige Stunden später im Krankenhaus – die Bakterien hatten bereits zu großen Schaden angerichtet (www.pid-erkennen.de). Während der Reanimation schaltete mein Gefühlshaushalt komplett ab, ich wurde vollkommen rational, und agierte. Ich war im Schock und handelte. Lange hielt der Schockzustand an und vermutlich war auch er es, der mich die Geburt unserer Tochter eine Woche nach seiner Beerdigung überstehen ließ. Ich war innerlich vollkommen erstarrt. 

Im Grunde fühlte ich nichts. Nur Leere. Der Schock war wie ein Schutz meines Körpers meine Seele vor dem unermesslichen Schmerz zu bewahren. Mein Verstand aber war klar: da müssen wir jetzt durch. Da hilft nur weitermachen. Machen. Bloß keine Pause. Machen. Bis zur Beerdigung powerte ich durch. Organisierte. Machte. Bei der Beerdigung selber sprachen mein Mann und ich zu unserem Sohn. Wir lachten für ihn. Ich verbat mir zu weinen. Er hatte mich Zeit seines Lebens nicht weinen gesehen – auch jetzt sollte er es nicht. Ich wurde fast wütend, wenn ich die anderen weinen sah. Wie ich den Weg hinter dem Sarg schaffte? Ich stellte ihn mir vor. Wie er neben mir her stapfte, lachte, Stöckchen sammelte. Es war Herbst – DAS sollte er eigentlich tun. Ich war ganz bei ihm – in Gedanken. DAS war alles, was ich wollte. 


Ganz langsam stellte sich nach der Geburt unserer Tochter mein Gefühlshaushalt wieder ein und das Fühlen samt des Schmerzes kamen. Mit voller Wucht auch Flashbacks der letzten Nacht und Schuldgefühle. Es war hart. Unfassbar hart. Aber ich wusste, ich muss auch da jetzt durch. Verdrängen ist keine Option. Aufgeben ist keine Option. Was würde er denken? Und so nahm ich mir auch die Nacht des Geschehens vor. Statt sie zu verbannen ging ich sie gedanklich immer wieder durch. Mit all ihren Bildern. Atmen. Annehmen. Akzeptieren. 

Schuldgefühle – ich mag behaupten, dass jeder Mensch sie hat, wenn sein Kind stirbt. Und ich mag auch behaupten, dass sie wirklich meistens vollkommen irrational sind. Und dennoch – sie sind. Und auch wenn mir die Ärzte mehrfach eindringlich sagten, dass das Schicksal schon lange besiegelt war, so suchte ich weiter. Ich brauchte einen Schuldigen, also nahm ich mich. Hätte ich etwas anders gemacht, wenn mehr Zeit gewesen wäre? Nein. Alles schien wie immer, wenn er krank gewesen war. Und mit jedem Infekt, den man zum Kinderarzt gerannt war, hatte man gelernt, dass man abwarten sollte und alles ok sei, sofern sich Fieber senken ließe und das Kind trinkt. Tja. Bei einer Sepsis kann die Temperatur sinken, weil der Körper in die Untertemperatur geht. Tja. Mit der Zeit, dem Vertiefen der medizinischen Geschehnisse fand ich zu dem Gedanken, dass diese Schuldgefühlssache einfach nur eine Sackgasse ist. Es mich Kraft kostete, die ich für mich, meine kleine Tochter, meinen Mann und doch auch unseren verstorbenen Sohn noch brauchen würde. Und in meinen Augen damals am aller schlimmsten: ich unseren Sohn auf den Tod reduzierte, und sein Leben doch so viel mehr bedeutet. 


Es ist, wie es ist. Es ist passiert. Es waren diese Worte, die mich die erste Zeit haben existieren lassen. Das Unbegreifliche zu akzeptieren, es zumindest zu versuchen. Es geht nur, wenn man zulässt. Vielleicht erfahrene schlimme Bilder vor dem inneren Auge geschehen lässt. Aushält. Und genau dann wird es besser, annehmbarer. Die verbundenen Gefühle geraten wieder unter Kontrolle. Flashbacks werden annehmbarer, denn man selbst bestimmt wann sie kommen und was sie mit einem machen. Und irgendwann werden auch diese vermeintlich schlimmen Bilder zu einem Erinnerungsschatz. Es sind unsere letzten gemeinsamen Momente. Sind sie nicht unendlich kostbar?


Die Trauer

Weitaus komplizierter als das Trauma präsentiert sich die Trauer. Ich hatte Trauer schon mehrmals erfahren. Meine Großeltern verlor ich im Grundschulalter, durfte von ihren Körpern Abschied nehmen. Meinen Vater begleitete ich nach schwerer Erkrankung, war im Moment seines Todes dabei. Und nun also bei meinem Sohn. Und skurriler Weise war es meine größte Angst, dass es wieder gut werden könnte. Denn so habe ich die Trauer zuvor kennengelernt. Ich wusste aus Erfahrung, dass es bei allen anderen irgendwann wieder ok war, anders aber annehmbar und tiefgehend gut. Ich hatte Trauer in Form von Traurigkeit, Sehnsucht, Vermissen zu spüren kennengelernt. 

Aber wie kann und darf es nach dem Tod unseres Kindes wieder gut werden? Nein. Das darf es nicht. Und gleichzeitig wusste ich, dass es das muss. Es muss. Wie sonst sollten wir seinem Leben gerecht werden? Wie sonst sollten wir dafür sorgen, dass sein Name unvergessen bleiben wird? Nur durch uns war er und ist er. Es liegt an uns, ob und wie es für ihn weitergeht. Und, dass es irgendwie weitergeht, ist alles was man sich für sein Kind wünscht. 


Außerdem trug mich der Gedanke, dass die Sehnsucht nach ihm ein Leben lang anhalten würde und, dass ich zum Aushalten dieses Gefühls Kraft bräuchte. Und diese würde ich nur bekommen, wenn ich das Leben auch lebe. Licht ins Dunkle lasse, um die dunklen Tage zu erhellen. Unvorbereitet war ich dennoch. Trauer in Form von Wut, Frustration, Enttäuschung und unendlicher Sehnsucht hatte ich noch nicht kennengelernt. Ebenso wenig war mir bewusst, wie physisch Trauer auch sein kann. Man sie wirklich spürt, zB in Form von Kopfschmerzen, Augenzucken oder auch Zahlendreher und Versprecher zeigten, dass uns etwas gewaltig auf die Seele gehauen hat. 


In vorherigen Lebenskrisen wie der Krebserkrankung meines Mannes oder dem Tod meines Vaters fuhr ich immer schon ganz gut damit meine Gefühle auch ein Stückweit durch meinen Verstand lenken zu lassen. Meinen Verstand überlegen zu lassen, was mir helfen könnte auszuhalten. Und ich glaube, dass hilft mir bis heute. Ich kenne mich. Ich weiß, was mir gut tut und was nicht. Selbstfürsorge – so widersprüchlich sie scheint, ist unendlich wichtig, wenn man einen so unendlich geliebten Menschen verliert. Die Trauer ist so eine Sache. Weil sie permanent on ist mit den wildesten Gefühlen, braucht man auch permanent Kraft für sie. Ich vergleiche es gerne mit einem Computer, der immer parallel zu einem Tab andere 100 geöffnet hat. Das vegetative Nervensystem schaltet nicht ab. Die Seele ist dauer beschäftigt. Ganz wichtig ist es also sich genau diese Tatsache einzugestehen

Sich abgrenzen dürfen. Bewegen. Aktiv sein. Seine eigenen Grenzen kennenlernen. Auf sich achten, auch wenn das egoistisch wirkte. Aber das war mein Credo die ersten Monate – so gut das eben geht mit Baby. Andere Orte als die Wohnung, den Friedhof und den nahegelegenen Stadtpark vermied ich. Ich merkte schnell, dass mir das normale Leben der anderen nicht behagte oder ich schlichtweg einfach null Kraft überhatte. Manche Menschen in mir Panik auslösten, unbeabsichtigt. Natur, Friedhof und Einsamkeit – das brauchte ich. Mit dem Kinderwagen machte ich Kilometer. Ging bis zu 6 Stunden am Tag spazieren. Powerte mich aus, um mich neben all dem Schmerz zu spüren. Gekennzeichnet war meine Trauer von viel Wut. Ich wollte das alles aber auch verstehen. Was geschah da mit mir? Ich begann zu lesen. Unendlich viele Bücher zum Thema Trauer, Tod, Kindesverlust. Irgendwie fand ich mich in nix wieder. Passte da einfach nicht rein. Trauer nach Phasen wie von Verena Kast geprädigt? Fehlanzeige. Diese dunklen Szenarien wie in anderen Büchern? Furchtbar. Ich wollte meine Trauer begreifen.Dafür brauchte ich immer wieder – bis heute – Raum und Abgeschiedenheit. 

Alles dürfen, nichts müssen. 


Auch von Menschen, die auf einmal nicht mehr passten. Ich war überfordert, wie das Umfeld zum Teil eben auch. Manche fragten wie es mir ginge, welche Gefühle dominierten, andere sprachen einfach nicht an. Wieder andere stellten einfach Essen und Blumen vor die Tür – immer wieder. Man glaubt es vielleicht nicht, aber einfache Gesten wirkten Wunder. Manch andere waren vollkommen hilflos. Ich war dankbar für jede Freundschaft, die nach dem Prinzip lief: alles dürfen, nichts müssen. Bis heute. Der Prozess des Loslösens von anderen hat mich sehr viel Kraft gekostet. Viel Enttäuschung. Viel Wut. Ich wollte niemanden verlieren, sondern alle mitnehmen auf diesen Weg. Ich wollte sagen: Leute, schaut doch hin, haltet doch aus! Ich mochte mein bisheriges Leben zu dem auch meine Freunde gehörten. Und nein, ich konnte von ihnen nicht erwarten, dass sie etwas verstehen, was ich selber noch nicht verstand. Ich fand es sei sich zu leicht gemacht auf die Umwelt zu schießen. Ich entschied mich fürs Schreiben. Kraft jedem einzelnen zu sagen, was mir gut täte in einer Zeit, in der ich es selber rausfinden lernen musste, hatte ich nicht. So begann ich meinen Blog des Unsichtbaren Kindes. Erfolgreich war ich nur bedingt. Jemand sagte mir ganz direkt, dass ich bitte verstehen möge, dass es schwer sei Gefühlen so direkt zu begegnen. Ich kann das hinnehmen – inzwischen. Vielleicht passen sie ja später wieder oder vielleicht passe ich anders wieder, aber für den Moment muss man lernen egoistisch zu sein. Man befindet sich im Wandel und der kostet Kraft. Und ich kann nur jeden ermutigen, der trauert, sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Alles dürfen, nichts müssen. Alles hat seine ZeitWahre Freunde machen, warten, halten aus.

Ausgangspunkt bleibt er


Ich glaube, dass man nach so einem ungeheuren Schicksalsschlag nur zwei Optionen hat: scheitern oder leben. Aufgeben, wie er das wohl fände? Furchtbar. Steh auf Mama! Das würde er sagen. Und deshalb orientiere ich mich immer an dem, was er wohl denken würde. Ich versuchte Selbstmitleid fernzuhalten. Er ist gestorben, nicht ich. Und wenn ich das Leben jetzt mit Füßen treten würde, dann würde ich doch ihn mit Füßen treten, der das Leben liebte. Mir war auch bewusst, mit der Geburt unserer Tochter kurz darauf, dass ich das Leben aktiv annehmen muss. Die Verantwortung für diese kleine Seele war natürlich erdrückend. Und auch, wenn mein Gefühlshaushalt alles andere als auf Baby ausgerichtet war, sagte mir mein Verstand ganz klar, dass ich ihr dieselbe Liebe und Fürsorge entgegen bringen möchte, wie ihm. Die Entscheidung für ein drittes Kind, das dieses Jahr im März zu uns stieß, war auch eine bewusste Entscheidung. Für sie wollten wir ein Geschwisterchen auf Erden. Für den Großen wollten wir auch neben ihr ein zweites Geschwisterchen. Eines, dass ihr Schicksal und sein Schicksal teilt, eines, dass auch den Namen des großen Bruders sprechen lernen sollte. Es kam also im März diesen Jahres ein zweiter Sohn zu uns. Eine liebe Seele, die uns allen Kraft gibt, ebenso wie die Kleine-Große uns Kraft und Freude schenkt. Für viele Außenstehende sicherlich gefühlt zu schnell. Aber auch diese Entscheidung trafen wir so sehr bewusst mitten in der akuten Trauer. Ich hatte Angst vor der Verurteilung anderer, die es sich so gar nicht vorstellen können. Aber ein Kind kann niemals ein anderes ersetzen. Seine Lücke ist sein Platz und jedes Kind bereichert auf andere Art und Weise die Familie. 

Die Wahl, das Leben zu leben


Es sind unfassbar anstrengende zwei Jahre, die hinter uns liegen. Und oft erschöpft mich parallel zur immer gegenwärtigen Trauerachterbahn das Kleinkinderleben und dennoch ist es das, was mir Kraft gibt. Mich mit Sinn erfüllt. Nichts und niemand ist so anstrengend, wie die Trauer. Das Aushalten. Immer. Und es wird nicht vergehen, der Rucksack wird nicht kleiner, nur ich stärker ihn zu tragen. Und deshalb muss jeder Mensch, der jemanden so unendlich geliebten wie sein Kind verliert eine grundsätzliche Entscheidung treffen: weitermachen oder liegen bleiben. Ja, auch der Kopf muss eine Rolle spielen neben den Gefühlen. Aufstehen, das Leben anpacken, sich aktiv gute Momente schaffen, darauf vertrauen, dass sich die Momente mit der Zeit auch wieder gut anfühlen und das gute Gefühl ohne schlechtes Gewissen annehmen. Ja! Denn traurige, sehnsüchtige Momente wird es immer geben. In den guten Momenten und Phasen dürfen wir und müssen wir Kraft tanken! Aber die fliegen uns nicht zu. Die müssen wir uns schaffen, uns holen, zulassen.



Eine Vision von seinem Leben leben


Und was mich angeht, so sind über alle Erschöpfung, über alle Sehnsucht, über allen Schmerz die Dankbarkeit und ein Gedanke erhaben: wir führen sein Andenken fort. Durch uns, durch unsere Kinder wird ER immer sein. Und nichts, aber auch gar nichts, kann jemals so anstrengend sein, wie das, was er so jung erleiden musste. Das Leben wertschätzen. Das ist mein Wunsch und dafür kämpfe ich. Ich habe eine Vision vom Leben. Und dieses Leben geschieht nicht ohne ihn, sondern dieses Leben gestalte ich aktiv auf seinen Fußspuren. Und das tröstet mich. Ich werde immer seine Mutter bleiben. Wir haben im Leben immer eine Wahl. Eine Wahl aufzustehen oder liegen zu bleiben, das Leben anzupacken oder es vorbeiziehen zu lassen. Es ist wie es ist, was du draus machst! 



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