Erfahrungsbericht: Max, 30, Toxikologe



Wie beginnt man eine Geschichte über den Suizid seiner ehemaligen Partnerin zu erzählen? Wenn man sie auch schon so oft erzählt hat?


In jedem Fall beginne ich sie anders, als ich es noch vor drei Monaten getan habe. Da habe ich diesen Beitrag zum ersten Mal verfasst und ihn zur Korrektur an Charlotte geschickt. In diesem Text hättest Du, lieber Leser, alles über die Geschichte der große Liebe zwischen F. und mir erfahren. Du hättest F. in all ihren wunderbaren Facetten kennen lernen können und Dich mit mir in diese Sehnsucht und Liebe begeben können, die ich damals spürte. Du hättest spüren können warum F. Fuchs und Max Mustermann nahezu verschmolzen sind und Du hättest erfahren, dass jene F. sehr viel Leid in sich trug. Du hättest erfahren, dass sie lange unter Depressionen litt. Über die Jahre hatte sie viele Therapien und Klinikaufenthalte, bei denen sie viel über sich lernte. Aber da war auch eine Sehnsucht nach einem Ausweg aus dem leidvollen Leben. Da war eine Todessehnsucht, die wohl nie ganz verschwand. Daneben stand meine naive Hoffnung, dass unsere Liebe ein Ausweg daraus sein kann.


Es war sehr heilsam für mich, diese Zeit noch einmal detailliert aufzuschreiben, aber ich stelle mir vor, dass es im Sinne dieses Blogs ist, zu beschreiben was nach ihrem Suizid mit mir geschah. Daher möchte ich direkt in die Woche vor ihrem Suizid einsteigen und die Ereignisse aus meiner Sicht beschreiben.


Ich stelle mir vor, dass es Dir, lieber Leser, an einigen Stellen mit Deinem eigenen Verlust vielleicht ähnlich ergangen ist, Du ähnlich gefühlt hast und vielleicht auch nicht wirklich wusstest, was nun werden soll. Es ist mein Wunsch, dass Du in meiner Geschichte vielleicht etwas Trost und Hoffnung für Deine eigene Geschichte finden kannst.


In der Woche vor ihrem Tod war sie sehr hin und her gerissen und oft traurig. Mitte der Woche fasste sie den Entschluss, sich zu bewerben. Einen Tag später gab es schon das erste Gespräch. Danach war sie am Boden zerstört. Sie könnte nie wieder in ihr altes Leben zurück, wünschte es sich so sehr. Abends konnte ich sie immer wieder auffangen und aufbauen. Dann kam das Wochenende. Am Samstag sollte ich für eine Einschulung zu meiner Familie fahren. Am Freitagabend war ich bei ihr. Sie erzählte mir, dass sie vor ein paar Tagen auf einem Dach stand, sich dann aber doch für das Leben entschieden habe. Sie fragte mich direkt: „Max, kannst Du mich nicht gehen lassen?“ Nein, das konnte ich natürlich nicht, wie auch. Wie reagiert man auf so eine Frage, wenn jemand wirklich nicht mehr leben möchte. Heute habe ich vielleicht eine Ahnung davon, aber damals war ich überfordert. Es war ihr Wunsch, nicht ins Krankenhaus zu gehen. Dort war sie nach einem der vorherigen Suizidversuche schon einmal und wollte dort nie wieder hin. Diesen Wunsch habe ich respektiert. Heute weiß ich, dass ich auch große Angst hatte sie zu verlieren, wenn gegen ihren Willen den Krankenwagen rufe. Ich habe darauf vertraut, dass nichts passieren würde. Sie lehnte mein Angebot, doch nicht zur Familie zu fahren ab, da sie mich nicht einschränken wollte. Am Sonntagmittag wollten wir uns dann wiedersehen und Montag gemeinsam zum Arzt, um weitere Schritte zu besprechen. Kurz nachdem ich aus dem Haus war, schickte sie mir eine E-Mail. Ihre alte Therapeutin hatte leider keine Kapazitäten mehr und ein neues Erstgespräch für eine Therapie war erst in 4 Wochen möglich. Als letztes schickte sie mir ein Musikvideo ohne Kommentar: „First Day of My Life“ von den Bright Eyes. So fuhr ich dann los, mit einem sehr schlechten Gefühl, dass sich bestätigen sollte. Da ich danach keine Antwort mehr von Ihr bekam und auch ihre Freunde nicht wussten, wo sie war, ging ich mit einem ihrer Brüder direkt zur Polizei als ich in Berlin ankam. Um sie vermisst zu melden. Mein Beruf befasst sich sehr direkt mit dem Tod und auch mit dem Thema Suizid. Als Toxikologe untersuche ich Proben von Verstorbenen, die im Rahmen von Obduktionen genommen werden. Wir beurteilen dann, ob die Person zum Todeseintritt von Medikamenten oder Drogen beeinflusst war. Daher weiß ich sehr genau, wie polizeiliche Ermittlungen in Sterbefällen aussehen.


Meine Sorge bestätigte sich. Wenige Stunden nachdem wir uns Samstag verabschiedet hatten, stürzte sie sich von einem Hochhausdach und verstarb sofort. Der Polizist sagte mir das alles, sichtlich bemüht die richtigen Worte zu finden und auch noch eine Aussage von mir aufzunehmen. Heute noch wirkt das sehr verschleiert auf mich. Diese Stunden … nachdem klar war, dass sie sich wirklich das Leben genommen hatte … Wie sollte es nun weiter gehen?  Nachdem ich mit ihren Brüdern gesprochen hatte, bin ich irgendwann bin nach Hause gelaufen. Derweil hatte ich schon meine besten Freunde informiert. Sie holten mich sofort ab und nahmen mich für die nächste Zeit bei sich auf. Ich bin ihnen bis heute zutiefst dankbar, dass sie mit mir durch all das was kam und kommen würde, gegangen sind. Meine Eltern rief ich dann auch an. Etwa sechs Stunden später, nachdem wir uns auf Wiedersehen gesagt hatten. Nun musste ich völlig aufgelöst erzählen was passiert war. Die nächsten Tage fühlten sich an, als wäre ich unter einer Glocke. Wie in Watte gepackt. Diese Bezeichnung findet man immer wieder in Trauerratgebern und ich finde sie sehr passend. Es war so irreal, dass das passiert ist. Ihr Leichnam wurde beschlagnahmt und nach ein paar Tagen entschied man, dass keine Obduktion durchgeführt werden sollte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. So wichtig ich unsere gerichtsmedizinische Arbeit auch finde, es wäre eine Horrorvorstelllung, wenn ihr Körper nur ein paar Türen weiter mal obduziert worden wäre. Danach durften wir die Sachen abholen, die sie bei sich getragen hatte. Es waren ein Tagebuch und zwei Abschiedsbriefe. Einer nur für mich und ein allgemeiner, von dem sie sich wünschte, dass dieser mal veröffentlicht werden würde. Der Brief an mich war ein kleiner Trost. Ein letzter Fetzen, an den ich mich klammern konnte, der liebe Wünsche enthielt, Mut zusprach und ein wenig erklärte. Zusammen mit dem Video hatte ich wenigstens irgendetwas. Nachdem sie mich vor ihrem Tod so nah an sich und ihre Welt gelassen hat, glaubte ich sie tatsächlich irgendwie verstehen zu können. Dazu hätte ich die paar Zeilen des Briefes gar nicht gebraucht. Ich konnte nicht verstehen, dass es jetzt passiert war, wo doch eine gemeinsame Zukunft vor uns lag. Ihr Tagebuch konnte etwas mehr zum Verständnis beitragen, denn es enthielt neben den Dingen, die sie mir sagte, auch die Dinge, die sie mir nicht sagte. Dass sie nicht mehr könne, dass auch unsere Beziehung ihre diese Gefühle nicht nehmen könne. Dass sie keinen anderen Weg sehe. Es gab diesen Teil von ihr, den sie mir nicht zeigen wollte. Vielleicht um mich zu schützen, vielleicht auch, um selbst die Kraft zu finden und nicht aufgehalten zu werden. Allein die gewählte Todesart deutet darauf hin. Wenn Du einmal fällst, gibt es kein Zurück mehr und wenn Du diesen Weg wählst, weißt Du von dieser Endgültigkeit. Heute kann ich akzeptieren und ihr vergeben. Vom Weg dahin möchte ich im weiteren Teil berichten und einige Aspekte beleuchten, die ich für meinen Trauerprozess wichtig fand. Er beginnt bei der Abschiednahme. Ich habe mich nicht getraut, sie nochmal anzusehen und zu berühren. Ich hatte zu viel Angst, da ich schon Fotos von toten Menschen nach einem Sturz aus der Höhe gesehen hatte. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Ich hatte fast 1,5 Jahre lang wiederkehrende Träume, in denen sie einfach wieder da war und gar nicht fort. Trauerratgeber sprechen davon, dass der Tod eines Menschen erst wirklich klar wird, wenn man ihn mit seinen Sinnen erfahren, sprich sehen oder fühlen, kann. Das kann ich unterschreiben. Dieses Gefühl von: „Wo ist sie denn?“, hielt bis zur Beerdigung an und war sehr überfordernd. Der einzige reale Bezug zu ihrem Tod war bis dahin das Gespräch bei der Polizei. In meinem Verstand war es irgendwie angekommen, aber auch irgendwie überhaupt nicht in mir.  Meine erste wirklich fühlbare Erfahrung ihres Todes war die Urne, die ich mit einigen anderen verzieren dürfte. Die Bestatterin war sehr gefühlvoll und ließ mir einige Zeit allein mit ihr. Das war sehr wichtig für mich, um Abschied von ihr nehmen zu können. Um zum ersten Mal wieder mit ihr in direkten Kontakt zu treten. Auch wenn es nur ihre Asche war. Nach ihrem Tod war mein Leben nicht mehr dasselbe. Ich spürte oder stellte mir zumindest vor, dass ich mich entscheiden nun müsse, wie ich mit ihrem Suizid umgehen werde. Ich entschied mich für einen sehr offenen Umgang. Mich störte unsere doch eher zurückhaltende Trauerkultur in Deutschland. Mein Eindruck war: kurze Zeit darfst Du traurig sein, aber spätestens nach der Beerdigung funktioniere bitte wieder und schau nach vorn. So einfach war das für mich nicht. Vielleicht steckt da auch ein bisschen Rebellion drin. Ich wollte meine Trauer jedenfalls nicht verstecken müssen. Daher finde ich diese Plattform hier auch eine sehr schöne Gelegenheit diesen Gefühlen Raum zu geben bzw. die Geschichte der anderen mit seiner eigenen zu verbinden. Ich habe mich in den hier geposteten Artikeln sehr wieder gefunden. Diesen Aspekt finde ich auch sehr wichtig. Oft wusste ich nicht, wohin mit den Gedanken und Gefühlen. Wenn ich dann einen Ratgeber oder eine Geschichte von jemand anderen gelesen habe, hat es mir Halt gegeben. Ich empfand meine Gefühle dann als weniger „unnormal“ und konnte ihnen auch zugestehen, dass sie gerade da sein dürfen. Sehr schnell merkte ich, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste. Mein gesamtes Sein hatte sich um F. herum strukturiert. Nun war dort ein gewaltiges Loch. In meiner alten Struktur wäre es schwerer gewesen, den Platz in mir neu zu besetzen und zu entdecken. So suchte ich mir eine neue WG, denn meinen Beruf wollte ich nicht aufgeben. Ich hatte dort gerade erst mit meiner Promotion begonnen. Der Umzug tat mir sehr gut. Einige Freunde von F. und andere Trauernde waren in den Monaten nach der Beerdigung wichtige Ansprechpartner und Menschen zum Austausch über unsere Verlustgefühle. Meine Freunde waren in dieser Zeit auch immer für mich da, hörten sich meine Sorgen und Gedanken an, aber da sie F. nicht wirklich kannten, war ein Austausch auf dieser Ebene schwer. Bis heute bin ich ihnen unendlich dafür dankbar, dass sie zu mir gehalten haben und es auch heute noch tun. Oft gaben sie mir eine wichtige Gegenposition oder waren einfach für mich da. Auch glaube ich, es war nicht einfach mit mir. Ständig über Gefühle reden. Über Dinge, die man ändern möchte, zu reden, kann sehr anstrengend sein. Vor allem, wenn da der Wunsch ist, die Zeit zurück zu drehen. Da wo alles unbeschwert war. Ein Zurück dahin gibt es nicht mehr, es gibt nur ein nach vorn. Ich bin froh, dass sich unsere Freundschaften durch diese harte Zeit mit entwickelt haben und weiß, dass ich mich auf diese Menschen verlassen kann. Im Leben gibt es keine Sicherheiten. Das hat mir F. oft gesagt  und mittlerweile habe ich es verstanden. Die Menschen, die Teil meines Lebens sind und waren, schätze ich dadurch umso mehr.


In den folgenden Monaten habe ich viel gelesen, viel ausprobiert und habe die Spiritualität, die Philosophie und das Meditieren für mich entdeckt. Das waren alles wichtige Impulse, aber gegen Ende des ersten Trauerjahres änderte sich Etwas. Jemand sagte es mir oder ich spürte es irgendwie selbst: Du versuchst gerade einige Schritte, einige Gefühle zu überspringen. Zwar bin ich in viele Techniken und Heilmethoden sehr eingetaucht, aber wirklich tief verändert hat sich erstmal nichts. Auf der mentalen Ebene war ich total verständnisvoll, akzeptierend und hatte ihr sofort vergeben. Mittlerweile stelle ich vor: in meinem Herzen sah es doch noch ganz anders aus und ich versucht etwas anderes zu sehen, als wirklich gerade war. Mit diesen Praktiken wollte ich Dingen wie Wut und Schuld entgehen. Durch all diese Gefühle muss ich hindurch, es gibt keinen Umweg. Das weiß ich nun. Daher entschied ich mich, einen Therapieplatz zu suchen und wurde recht schnell fündig. Ich bekam Nummern von drei Therapeuten. Der Straßenname der ersten Adresse war der gleiche, wie derjenige, in der F. wohnte. Wenn das nicht Schicksal ist. Dort hat es auch sofort funktioniert und heute bin ich sehr dankbar für das, was wir gemeinsam erarbeitet haben. Vor ca. einem Jahr habe ich mich getraut, ein Bild von F. nach ihrem Tod anzusehen. Das Foto ist von der Abschiednahme und es zeigt ihren Körper im Sarg liegend. Die Bestatterin hatte es mir zukommen lassen. Wie oben erwähnt, nagte es an mir, nicht an der Abschiednahme teilgenommen zu haben. Daher war es ein wichtiger Schritt für mich, mich nun mit ihrem toten Körper auseinander zu setzen. Sie sieht dort sehr friedlich aus, fast schon zufrieden. Meine Ängste waren unbegründet. Heute habe ich viele schöne Bilder von ihr im Kopf, aber selten dieses Bild als vorherrschendes. Bis zu diesem Tag gab es immer wieder Momente, die mir den Boden unter den Füßen wegreißen. Dann wird mir wieder bewusster: das alles ist wirklich passiert. Als wüsste ich das gar nicht. Auch heftige Träume, in denen sie wieder da war, aber nicht ansprechbar, verfolgten mich von Zeit zu Zeit. Nachdem ich mir das Bild von ihr angesehen hatte, hörte all das irgendwie auf und es wurde friedlicher in mir. 

Der Friedhof war am Anfang ein wichtiger Anlaufpunkt für mich. Ich zündete Kerzen an, machte kleine Rituale, redete mit ihr, wie ich sie vermisste, was so in meinem Leben los war. Es gab dann aber auch irgendwann nichts mehr, was ich für sie "tun" konnte. Langsam erkannte ich, dass ich sie gehen lassen muss, damit sie einen neuen Platz in mir finden konnte. Dazu schrieb ich oft Briefe an sie, wie dankbar ich ihr für alles bin. Dass sie mein Leben verändert hat. Mir gezeigt hat, was Liebe ist, wer ich sein kann und was noch vor mir liegt. Ohne sie wäre dieser ganze Selbstfindungsprozess vielleicht gar nicht erst los gegangen. Sie ist da auch ein Vorbild für mich. Denn trotz ihres großen Leids, hatte ich immer das Gefühl, dass sie etwas über das Leben verstanden hatte, was ich nicht hatte. Die Briefe verbrannte ich am Grab. Davon habe ich in einem Ratgeber gelesen und finde es für mich sehr stimmig. Dann bekommen die geschriebenen Worte noch eine ganz besondere Energie. Auch heute mache ich das noch von Zeit zu Zeit, wenn ich das Gefühl habe, ihr etwas sagen zu müssen. Es hilft mir dabei, sie weiter ein Stückchen bewusst gehen zu lassen. Irgendwann kam dann diese Erkenntnis oder Idee in mir: ich möchte mich wieder neu verlieben. F. hatte mir das auch in ihrem Abschiedsbrief so gewünscht. Wenn sie mich von irgendwo sehen kann, möchte sie, dass ich glücklich bin. Im Moment bin ich auf einem guten Weg dahin.


An dieser Stelle möchte ich noch vom Verein AGUS (Angehörige um Suizid e. V.) erzählen. Selbst habe ich nie an einer Gruppensitzung teilgenommen, aber den Kontakt gesucht zu einer Gruppe. Dort habe ich mit sehr verständnisvollen Menschen gesprochen und fühlte mich verstanden, behütet. Dafür bin ich sehr dankbar. Durch die Therapie hatte ich dann nicht mehr das Gefühl eine Gruppe zu brauchen, aber ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen dort erstmal einen richtigen Anlaufpunkt finden können. Dass es diesen Verein gibt, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen in ihrer Trauer begegnen, dass es Orte wie diesen Blog gibt, finde ich wirklich großartig. Es zeigt doch, dass wir vielleicht doch nicht ganz allein mit unserem Schmerz leben müssen.


Mittlerweile habe ich einen neuen Menschen in mein Leben lassen können und ich bin sehr in sie verliebt. Es ist eine andere Beziehung, eine reifere. Auch wunderbar tief, aber nicht so voneinander abhängig wie F. und ich es miteinander waren. Es fühlt sich gut und richtig an. Ich bin ihr unglaublich dankbar dafür, dass sie diesen Weg mit mir geht. Wie schwer muss es sein mit jemanden zusammen zu sein, der sich grad neu entdecken muss. Jemandem, der so etwas erlebt hat. Ab und zu schreibe ich F. dann über die neue Beziehung und fühle mich manchmal etwas schuldig. Habe ich zuletzt zu wenig an sie gedacht? Wann warst Du eigentlich das letzte Mal am Grab? Mir schein heute, dass es normal ist, dass die Besuche weniger werden, dass der Alltag wieder mehr Raum einnimmt. Doch manchmal ist da eben auch dieses schlechte Gewissen. Das gehört wohl dazu und mittlerweile kann ich damit gut umgehen. F. wird immer einen Platz in meinem Herzen haben und die Dinge, die ich von ihr lernen konnte, sind ein Teil von mir geworden. Ich habe sie verloren, aber auch sehr viel von mir neu dazu gewonnen. Ich bedauere es sehr, dass sie ein Leben voll solchen Leidens hatte. Aber ich bin auch unglaublich froh, dass dieses Leid für ein paar Augenblicke ganz weit weg war, wenn wir zusammen waren. Heute habe ich selten noch Schuldgefühle oder Wut. Es war ein langer Weg dahin, aber ich kann ihren Wunsch heute annehmen und ohne Groll an unsere Zeit denken. Manchmal würde ich gern mit ihr reden. Mich mit ihr austauschen, wie sie mich sieht in den letzten Jahren. Ob sie vielleicht auch stolz auf mich ist. Oder einfach nur mit ihr über das Leben philosophieren. Das konnten wir damals wunderbar zusammen. Leider ist das nicht mehr möglich und der Gedanke macht mich traurig. Das ist aber ok, traurig darf man sein.  Heute blicke ich positiv auf die Zukunft. Fühle ich mich sehr im Hier und Jetzt verwurzelt und versuche, das Leben auf mich zukommen zu lassen. Trauer ist gar nicht mehr so ein großes Thema im Moment. Ich möchte mich noch für die Gelegenheit bedanken, hier etwas beizutragen und wünsche mir für die Zukunft, dass wir alle offen mit unseren Geschichten umgehen und leben können.

Max

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