Interview: Julia, Online-Trauerbegleiterin


Wenn wir uns in einem Aufzug begegnen würden und Du dich in 5 Sätzen vorstellen müsstest, was würdest du mir erzählen?

Das ist eine wirklich spannende Frage! Ich bin keine Frau der wenigen Worte, daher ist das eine ziemliche Herausforderung für mich, aber ich probiere es gerne:

Ich bin Julia und durch meine Tochter Isabella bin ich der Mensch, der ich heute bin.

Meine Tochter kam 2014, für mich und meinen Mann vollkommen überraschend, sehr krank zur Welt und ist nach kurzen, aber wirklich intensiven und von Liebe geprägten acht Monaten in meinen Armen gestorben.

Sie hat mir gezeigt, was in meinem Leben wichtig ist und was ich gerne loslassen darf.

Die unendliche Liebe, die uns immer miteinander verbindet und mich durch meine persönliche Trauer leitet, hat mich dazu bewogen, selbst Trauerbegleiterin zu werden und nun andere betroffene Mamas ein Stück weit auf ihrem Trauerweg zu begleiten.

Meine Arbeit ist schrecklich und schön, dunkel und bunt, leise und laut, schmerzhaft und voller Liebe und vor allem eines: Wichtig für diese Mütter, die Überlebende ihres schweren Schicksals sind.

Motiviert hat mich, sich dem Thema Trauer zu widmen …

Ganz klar meine eigenen Erfahrungen!

Ich bin selbst durch meine eigene persönliche Hölle gegangen. Habe gekämpft, wollte so manches Mal aufgeben, habe mir nichts Sehnlicheres gewünscht, als meine Tochter zurückzubekommen.

Und dann waren da zum Glück diese Menschen: Menschen, die nach mir gesehen haben, nach meinen Gefühlen und Gedanken gefragt haben und ganz wichtig: Ich durfte ihnen von meiner Tochter erzählen.

Diesen Menschen, die mir ihre Zeit, ihr Herz und ein offenes Ohr geschenkt haben, denen habe ich mein Überleben zu verdanken.

Und genau das möchte ich mit meiner Arbeit zurückgeben: Dasein. Zuhören. Aushalten. Mitleiden. Und Hoffnung schenken.

Wenn ich etwas an unserer Trauerkultur ändern könnte, dann …

Unbedingt den allgemeinen Umgang mit der Trauer in unserer Gesellschaft.

Tod, Trauer und der Umgang mit Trauernden ist ein so großes Tabuthema. Das sorgt für eine massive Sprach- und Hilflosigkeit auf Seiten der Umgangspersonen. Betroffene werden in ihrer Trauer nicht gesehen und empathisch begleitet und das Umfeld a) meidet die Betroffenen entweder ganz oder b) versucht sich verzweifelt mit gängigen Phrasen wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ zu helfen. Eine Lose-Lose-Situation, der Kontakt miteinander wird immer mehr zum Spießrutenlauf und Trauernde ziehen sich aus Angst vor immer weiteren Verletzungen zurück.


Das Ergebnis: Sie stehen vor einem zehrenden Trauerweg, den sie nun größtenteils ganz alleine bewältigen müssen. Dabei sind soziale Kontakte und der Rückhalt durch die Mitmenschen essentiell für die Trauerbewältigung.

Nach meinem eigenen Verlust, hat mir geholfen ...

Wie schon gesagt: Meine Mitmenschen, die für mich da gewesen sind, waren meine größte Stütze.

Den größten Rückhalt gab mir eine Trauergruppe, die meine Hebamme damals ins Leben gerufen hat. Dort waren ausschließlich Frauen, die ebenfalls ihre Kinder verloren hatten. Jede von uns hatte ein komplett anderes Schicksal, aber wir erkannten uns ineinander wieder und konnten die eigenen Gedanken und Gefühle viel besser annehmen. Trauer ist zwar unendlich individuell, aber gemeinsame Schnittpunkte gibt es doch immer wieder. Diese miteinander zu teilen, sich dadurch als Gemeinschaft zu fühlen und somit nicht im eigenen Schmerz alleine gelassen zu werden: Das ist so fundamental wichtig, wie ich finde. Diese Gruppe, die anderen betroffenen Frauen und meine Hebamme waren und sind meine Lifesaver!

Und genau dieses Gefühl des Aufgefangen- und Verstandenwerdens möchte ich von Herzen gerne weitergeben.

Ich habe mich, aufgrund der Tatsache, dass viele Betroffene anfangs das Haus absolut nicht verlassen (können) oder auch generell vielleicht eher schüchterne Trauernde sind, dazu entschieden, meine Begleitung online anzubieten. Auf diese Weise die Mütter in ihren sicheren 4-Wänden genau dort abzuholen, wo sie gerade stehen.

In 1:1-Begleitungen bekommen die verwaisten Mütter meine ganz individuelle Unterstützung, meine vollste Aufmerksamkeit, meine offenen Ohren und mein mitfühlendes Herz. Hier kann und darf sich alles zeigen, was den Mamas in ihrer Trauerbewältigung eine Stütze sein kann. Ich bringe dabei mein Fachwissen als Trauerbegleiterin ein, aber auch meine ganz persönlichen eigenen Erfahrungen als mehrfach verwaiste Mutter.

Und es gibt das kostenlose monatliche Online-Trauercafé STERNENZAUBER, in dem vor allem der Austausch der Betroffenen untereinander im Vordergrund steht.

Beide Angebote sind mir ein absolutes Herzensanliegen und ich bin dankbar, diese Mütter in ihrer Trauer, dem unendlichen Schmerz, aber auch ihrer unerschöpflichen Liebe für ihre Kinder, begleiten zu dürfen.

Wenn ich Trauernden etwas mitgeben könnte, dann ...

Suche dir Unterstützung – du musst nicht alleine durch deinen Schmerz gehen! Es kann unheimlich heilsam sein, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen oder eben auch eine Trauerbegleitung in Anspruch zu nehmen.

Heute gibt es mehr Möglichkeiten denn je dafür:

Es gibt wundervolle Angebote direkt vor deiner Haustüre. Bevorzugst du das persönliche Gespräch, suche dir Trauergruppen oder Trauerbegleiter vor Ort.

Und es gibt herausragende Begleitungsmöglichkeiten im Internet. Per Telefon, Videotelefonie oder E-Mail gibt es mittlerweile so viele tolle Angebote von Menschen, die dir zur Seite stehen und dich in deiner Trauer begleiten können.

All diese Angebote haben allerdings eines gemeinsam: Der Impuls dazu kommt von dir. Habe den Mut und nimm diese Unterstützung in Anspruch.

In Zukunft möchte ich ...

weiterhin dafür losgehen, dass im Themenbereich Tod und Trauer, speziell mit dem Hintergrund Kindsverlust, Veränderung passiert.

Ich wünsche mir für Betroffene so sehr mehr Verständnis seitens unserer Gesellschaft, ein stabiles Auffangnetz und ausreichend Anlaufstellen, damit eine flächendeckende Begleitung durch diese schwere Zeit ohne Kind gewährleistet wird.

Meinen Beitrag dazu leiste ich über meinen Instagram-Kanal, die Online-Begleitung und durch Projekte wie den „Wegweiser im Umgang mit Sterneneltern“, eine Broschüre, die die Kommunikation zwischen Betroffenen und ihrem Umfeld erleichtern darf.


Portrait:

„Julia begleitet“

Dahinter steht Julia,

Trauerbegleiterin, Gesundheitsberaterin und Mutter von zwei Kindern im Herzen und einem an der Hand.

Sie schreibt über die Themen Kindsverlust, Tod und Trauer und den langen und steinigen Weg zurück ins Leben. Dabei steht sie verwaisten Müttern mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen, aber auch dem Fachwissen aus der Trauerbegleitung und der Gesundheitsberatung stärkend zur Seite.

„Leider sind die Themen Tod und Trauer im Allgemeinen und Kindsverlust im Besonderen immer noch viel zu sehr tabuisiert. Die Thematik der verwaisten Eltern gehört in die Mitte der Gesellschaft. Diese Tabus müssen gebrochen werden, damit kein Betroffener mit seiner Trauer alleine gelassen wird!“

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