Erfahrungsbericht: Sabine, 39, Redakteurin & SeelenSport-Trainerin


Der Moment, in dem ich erfuhr, dass Du nicht mehr lange leben wirst, hat sich tief in meine Seele

gebrannt. Wie als wäre es heute gewesen, weiß ich, wo ich stand. Das Telefon zitternd in den

Händen, ungläubig den Worten der Ärztin lauschend. Mir war klar: Du wirst sterben. Es folgten vier

Wochen voller Abschied, Dein letzter Geburtstag, fünf Tage bevor Du gestorben bist. Und dann warst

Du weg.


Mein Leben ohne Dich – es hat sich grundlegend verändert.


Im Oktober 2017 musste ich begreifen, dass Du nicht mehr da bist. Gestorben. Einfach weg. Wie kann es sein, Papa, dass Du einfach stirbst? Das war so nicht geplant. Wir hatten herausfordernde Jahre hinter uns, haben uns wieder angenähert und dann stirbst Du auf einmal. Mich hat das wütend

gemacht. Wütend auf die Machtlosigkeit, die ich durch Deinen Verlust gespürt habe. Wütend, weil

ich nichts tun konnte. Ich musste akzeptieren, dass Du nicht mehr da bist.


Vor mir lag ein sehr langer Weg voller Schmerz, Traurigkeit, Lähmung. Ich konnte nicht mehr essen,

nicht mehr arbeiten, mich mit nichts anderem beschäftigen als dem Tod. Ich weinte unglaublich viel

und konnte kaum fassen, woher ich all die Tränen nahm. Ganz zu Beginn verkroch ich mich. Ich

wollte nur an Dich denken, nein, ich wollte Dich zurück. Ich wollte mit Dir sprechen, Dich anrufen,

Dich in den Arm nehmen. Dass das nicht mehr möglich war, war für mich nur sehr schwer zu

akzeptieren. Meine Welt stand still, während die Zeit unaufhörlich weiterging. Weihnachten,

Silvester, was sollte das neue Jahr bringen? Alles rauschte an mir vorbei. Ich kann gar nicht genau

sagen, wie lange diese Phase andauerte.


Irgendwann ging ich wieder arbeiten und war konfrontiert mit dem ganz normalen Alltag. Wenig

Platz für Trauer. Wenig Platz für Erinnerung. Schnell die Frage von meinem Umfeld „Wann wirst Du

wieder wie vorher?“. Gerne hätte ich schon damals den Mut gehabt, diese Frage ganz ehrlich zu

beantworten: „Nie“. Ich bin auch nicht mehr die Gleiche wie vorher. Und das ist gut so. Dein Tod hat

mich verändert. Denn irgendwann begann ich zu kämpfen.


Ich holte mir Hilfe, besuchte Trauergruppen und fühlte mich verstanden und aufgehoben bei

Menschen, die ähnlich fühlten wie ich. Ich spürte, dass der Austausch über den Verlust eines

geliebten Menschen eine Tiefe in Gespräche bringt, wie ich sie vorher kaum erlebt hatte.


Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, etwas für meinen Körper zu tun. Aber die Trauer war eben

meine ständige Begleiterin geworden. In ein Fitnesstudio gehen? Unvorstellbar! Laute Musik, andere

Menschen? No way! Ich konnte nicht steuern, wann ich an Dich denken musste, mir die Tränen

kamen und für einige Zeit einfach gar nichts mehr ging. Ich entdeckte SeelenSport für mich. Ein

Bewegungsprogramm speziell für trauernde Menschen. Bei den Trainings mit Katy, der Gründerin,

fühlte ich mich aufgehoben und verstanden. Auch wenn das für mich harte Trauerarbeit war, so

hatte ich doch in unseren Trainings den Raum für meine Traurigkeit, meine Tränen und meine vielen

Zweifel und Ängste. Im „normalen Leben“ äußerte ich die zu dieser Zeit schon lange nicht mehr. Da

gings ums funktionieren, ums weitermachen.


Je mehr ich mich mit dem Sterben und der Trauer auseinandersetzte, desto mehr zog mich dieses

Thema an. Nicht nur die Tiefe der Gespräche, auch die Auseinandersetzung mit der eigenen

Endlichkeit machten mich nach und nach wieder lebendiger. Das klingt paradox, war für mich aber

so. Der Tod war für mich nach wie vor unbegreiflich. Ich wollte aber genauer hinsehen, wollte

verstehen. Deswegen habe ich mich für eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin entschieden. Für mich

war das eine sehr intensive Zeit, in der ich aber tatsächlich nach und nach einen Zugang zum Tod

gefunden habe. Viele Fragen, die ich mir im Zusammenhang mit Deinem Sterben gestellt habe,

wurden mir beantwortet. Nach und nach holte ich den Tod als Teil des Lebens (denn das ist er) in

meinen Alltag.


Mir wurde immer wichtiger, über das Thema Tod und Trauer zu sprechen. Viel zu sehr ist das noch

ein Tabu in unserer Gesellschaft. Also gründete ich meinen Blog www.lieben-sterben-leben.de auf

dem ich viel von Dir erzähle, lieber Papa. Du bleibst lebendig, weil meine Trauer um Dich, meine

Erinnerungen an Dich und mein Weg, den ich nach Deinem Tod gehe, dort präsent sind. In Worten.

Du hast mir das Talent zum Schreiben mitgegeben, hast es selbst geliebt, Texte zu verfassen. Dass ich

einmal einen Blog haben würde, in dem ich über Deinen Tod erzähle, hätte ich nicht gedacht. Und

schon gar nicht, dass sich das für mich erfüllend anfühlen könnte. Ich komme dadurch mit anderen

Trauernden ins Gespräch. Kann mit ihnen fühlen. Kann ihnen an einigen Stellen mit meinen Worten

und Erfahrungen helfen.


Außerdem wurde der SeelenSport zu einem festen Bestandteil meines Alltags. Die Übungen, die sich

mit den Gefühlen der Trauer beschäftigen, halfen mir, in den Tag zu starten. Sie halfen mir, wenn die

Traurigkeit sonst keinen Ausdruck fand. Weil sie verborgen war, hinter einer Wand voller Wut und

Angst. Sie stärkten meinen Körper, gaben mir eine aufrechte Haltung – nicht nur äußerlich, sondern

auch innerlich. Ich nahm all meinen Mut zusammen und machte selbst die Ausbildung zur Trainerin

für SeelenSport, denn in mir reifte immer mehr der Gedanke, auch selbst Trauernde begleiten zu

wollen. Diese Aufgabe ist zu meiner Erfüllung geworden. Hätte mir das jemand vor einigen Jahren

gesagt, ich hätte nur mit dem Kopf geschüttelt.


Um die Begleitung trauernder Menschen für mich auch auf „professionelle“ Füße zu stellen, mache

ich außerdem eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Wer weiß, vielleicht wird das irgendwann

einmal mein Beruf? Meine BerufUNG scheint es jedenfalls zu sein.


Und das alles, weil Du gestorben bist, lieber Papa. Bei all der Zuversicht, die ich durch meinen neuen

Lebensweg spüre, all den reichen Momenten, die ich in dieser Arbeit erleben darf, begleitet mich die

Trauer um Dich dennoch. Du fehlst. Immer und überall. Ich erzähle oft von Dir. Weil Du mich geprägt

hast, ein untrennbarer Teil meiner Geschichte bist. Die Trauer um Dich, sie wird immer bleiben. Ich

nehme sie achtsam an als eine Begleiterin, die nun immer an meiner Seite sein wird und ihre

Aufmerksamkeit fordert, einfach so. Ohne Vorwarnung manchmal. Wie ein unbarmherziger

Faustschlag in meinen Bauch werde ich daran erinnert, dass Du tot bist. Nach und nach lerne ich,

damit zu leben.


Und oft denke ich zurück an die Machtlosigkeit, die ich zu Beginn spürte. Die Frage nach dem

„Warum“, die ich mir so oft stellte. Sie ist bis heute nicht beantwortet. Aber durch all das, was ich tue

habe ich das Gefühl, dass Du nicht ganz umsonst gestorben bist. Und das ist für mich wichtig, um

weitermachen zu können. In meinem Leben ohne Dich.


Quelle Foto: Silke Hufnagel

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